Dieses Glossar erklärt ein paar Begriffe, die immer wieder in unseren Texten vorkommen.. Einige Begriffe sind in Wissenschaft und Commons-Praxis bereits etabliert, andere sind unsere Arbeitsbegriffe. Sie helfen, komplexe Zusammenhänge in eine Sprache zu bringen, mit der sich praktisch arbeiten lässt.
Zentrale Begriffe
- Bezogenheitslogik
- Care / Fürsorge
- Commoner
- Commoning
- Commonifizierung
- Commons
- Eigentumslogik
- Geschichten
- Governance
- Kopplung
- Membran
- Mitwelt
- Muster
- Onto-Shift
- Rückbindung
- Tool
- Trennungslogik
- Zugang
- Verantwortung
Bezogenheitslogik
Bezogenheitslogik ist unser Arbeitsbegriff für eine Weise, Welt von Beziehungen her zu verstehen.
Menschen, Dinge, Mitwelt, das was uns trägt und oft extrahiert wird (Ressourcen), Körper, Bedürfnisse, Wissen und Entscheidungen werden nicht als getrennte Einheiten betrachtet, sondern als miteinander verbunden.
Bezogenheitslogik bedeutet nicht Harmonie, Nettigkeit oder Grenzenlosigkeit. Sie fragt: Welche Beziehungen wirken hier? Was braucht Pflege, Schutz, Zugang, Entscheidung und Verantwortung?
Wissenschaftlich anschlussfähig an relationale Ontologien, Commons-Theorie, Care-Ethik, sozialökologische und mehr-als-menschliche Perspektiven.
Care / Fürsorge
Care oder Sorge meint alles, was Leben erhält, ermöglicht, repariert und begleitet. Innerhalb von Trennungslogik wird damit vor allem Pflegen, Kochen, Zuhören, Trösten, Putzen, Organisieren, Erziehen, Erinnern, Beziehungsarbeit, ökologische Pflege usw. bezeichnet.
In einer Bezogenheitslogik wird Sorge von einer Nebensache zum Zentrum. Sie ist eine Grundbedingung jeder Gesellschaft und jedes Commons und umfasst dann auch das Anbauen von Lebensmitteln, die Herstellung der Dinge, die wir brauchen…
Wissenschaftlich anschlussfähig an Care-Ethik, feministische Ökonomie, soziale Reproduktion und Debatten um Sorgegesellschaft.
Commoner
Commoner sind Menschen, die Commoning praktizieren.
Das ist kein Identitätstitel, sondern beschreibt ein Tun: Menschen pflegen gemeinsam Ressourcen, Beziehungen, Wissen, Fürsorge oder Infrastrukturen und halten sie zugänglich.
Commoning
Commoning ist das Tun, durch das Commons entstehen und lebendig bleiben.
Es umfasst Praktiken des Teilens, Pflegens, Reparierens, Begrenzens, Lernens und gemeinsamen Entscheidens und Verantwortens.
Commoning ist kein Idealzustand. Es ist eine Praxis, die gelingen, scheitern, kippen, lernen und neu beginnen kann.
Wissenschaftlich anschlussfähig an Commons-Forschung, Peer Governance, Selbstorganisation und Praxistheorie.
Commonifizierung
Mit Commonifizierung meinen wir den Prozess, etwas commoning-fähiger zu machen.
Das kann ein Raum, ein Haus, ein Stück Land, eine Software, ein Wissensbestand, ein Geldfluss, eine Organisation oder eine Praxis sein.
Commonifizieren heißt nicht einfach „vergemeinschaften“. Es heißt, Zugang, Pflege, Nutzung, Entscheidung, Verantwortung, Schutz und Weitergabe so zu gestalten, dass sie weniger von Markt-, Eigentums-, Dominanz- oder Verwertungslogik bestimmt werden.
Wissenschaftlich anschlussfähig an Commoning, De-Kommodifizierung, Re-Commoning und Commons Governance.
Commons
Commons sind keine Dinge, die einfach allen gehören.
Commons entstehen dort, wo Menschen gemeinsam für etwas sorgen, das sie brauchen oder lieben: Land, Wasser, Wissen, Räume, Software, Werkzeuge, Geschichten, Sorge, Infrastruktur, Nachbarschaft, Kultur oder politische Handlungsfähigkeit.
Ein Commons besteht aus geteilten oder gemeinsam gehüteten Ressourcen, einer Gemeinschaft von Beteiligten und den Vereinbarungen, Praktiken und Beziehungen, durch die Zugang, Nutzung, Pflege und Verantwortung gestaltet werden.
Wissenschaftlich anschlussfähig an Commons-Forschung, besonders Elinor Ostrom sowie Silke Helfrich und David Bollier.
Eigentumslogik
Eigentumslogik ist eine Analyseperspektive auf Ordnungen, in denen Verfügungsmacht stark daran gebunden ist, wem etwas gehört.
Eigentum entscheidet oft schon, bevor gesprochen wird: Wer darf nutzen? Wer darf ausschließen? Wer trägt Pflege? Wer profitiert? Wer entscheidet über Zukunft?
Commonifizierung fragt, wie Eigentum so umgebaut, begrenzt oder eingebettet werden kann, dass Zugang, Pflege und Verantwortung wieder stärker in Beziehung kommen.
Wissenschaftlich anschlussfähig an Eigentumstheorie, Rechtskritik, politische Ökonomie und Commons-Forschung.
Geschichten
Geschichten sind bei Omis Magnum kein Beiwerk. Sie sind Erfahrungswissen.
Sie zeigen, wie Wandel erlebt wird: im Körper, in Beziehungen, in Konflikten, in Entscheidungen, in Momenten des Scheiterns und Gelingens.
Sie beweisen keine Theorie und bringen konkrete Erfahrung ins Spiel.
Governance
Governance meint das gelebte Wie gemeinsamen Handelns.
Dazu gehören nicht nur Satzungen, Rollen oder Entscheidungsverfahren, sondern auch Gewohnheiten, Nebenräume, Machtverhältnisse, Informationsflüsse, Zugänge, Konfliktwege, Verantwortung und Folgen.
Jede Gruppe hat Governance. Auch dann, wenn sie keine offizielle Struktur hat. Wenn nichts bewusst gestaltet wird, gestalten oft Gewohnheit, Status, Eigentum, Tempo, Nähe oder Verfügbarkeit und Diskriminierungen werden reproduziert.
Anmerkung: Wissenschaftlich anschlussfähig an Governance-Theorie, Institutionenanalyse, Commons Governance und Organisationsforschung.
Kopplung
Kopplung ist eine Arbeitsfrage für Governance: Passen Entscheidungsspielraum, Information, Verantwortung, Risiko und Folgen zusammen?
Ein Kopplungsbruch entsteht zum Beispiel, wenn eine Person entscheidet, eine andere reparieren muss und wieder andere die Folgen tragen.
Gute Governance versucht, diese Verbindungen sichtbar und gestaltbar zu machen.
Anmerkung: Wissenschaftlich anschlussfähig an institutionelle Passung, Rechenschaft, Mandate, Verantwortung und Feedback-Schleifen.
Membran
Eine Membran ist ein Bild für lebendige Grenzen.
Ein Commons braucht weder völlige Offenheit noch Abschottung. Es braucht Grenzen, die Austausch ermöglichen und zugleich vor Vereinnahmung, Überforderung oder Übernutzung schützen.
Eine gute Membran fragt: Was darf hinein? Was muss draußen bleiben? Was darf hinaus? Was braucht Schutz?
Wissenschaftlich anschlussfähig an die Commons-Mustersprache, besonders an das Bild der halbdurchlässigen Membran bei Helfrich/Bollier.
Mitwelt
Mitwelt bezeichnet die mehr-als-menschliche Welt nicht als bloße Umgebung oder Ressource.
Böden, Tiere, Pflanzen, Gewässer, Luft, Pilze, Klima, Landschaften und andere Lebewesen sind Teil der Beziehungen, in denen Menschen leben.
Der Begriff verschiebt den Blick von „Natur da draußen“ zu „Welt, mit der wir leben“.
Wissenschaftlich anschlussfähig an Umweltethik, relationale Ökologie, more-than-human studies und sozialökologische Transformation.
Muster
Muster sind wiederkehrende Formen oder Prinzipien, die in verschiedenen Kontexten auftauchen.
Sie sind keine Rezepte. Sie helfen, ähnliche Spannungen wiederzuerkennen und mögliche Wege sichtbar zu machen.
Ein Muster sagt nicht: So muss es gehen. Es sagt eher: Hier haben Menschen etwas entdeckt, das auch anderswo hilfreich sein könnte.
Wissenschaftlich anschlussfähig an Pattern Languages, Commons-Mustersprache und Praxiswissen.
Onto-Shift
Onto-Shift meint einen grundlegenden Wandel darin, wie Wirklichkeit verstanden und bewohnt wird.
Ein Onto-shift hin zu Bezogenheitslogik geht weg von der Vorstellung getrennter Einzelwesen, Objekte und Interessen und hin zu einem Verständnis von Welt als Beziehungsgeflecht.
Ein Onto-Shift ist nicht nur ein Gedanke im Kopf. Er zeigt sich in Praxis, Körper, Sprache, Governance, Ökonomie und Beziehung.
Wissenschaftlich anschlussfähig an relationale Ontologie, Weltbildwandel und Commons-Theorie; im Commons-Kontext besonders durch Silke Helfrich und David Bollier ausgearbeitet.
Rückbindung
Rückbindung bedeutet, dass Macht, Wissen, Mandate, Entscheidungen oder Außenkontakte mit dem gemeinsamen Zusammenhang verbunden bleiben.
Wer für eine Gruppe spricht, entscheidet oder Verantwortung übernimmt, braucht Wege zurück: Information, Rückfragen, Rechenschaft, Korrektur und gemeinsame Klärung.
Rückbindung schützt davor, dass Verantwortung vereinzelt oder Macht unsichtbar wird.
Anmerkung: Wissenschaftlich anschlussfähig an Accountability, Feedback-Schleifen, rekursive Governance und Mandatsklärung.
Tool
Ein Tool ist ein Werkzeug, das praktisch helfen kann, genauer wahrzunehmen, besser zu fragen, tragfähiger zu entscheiden, Fürsorge sichtbar zu machen, Macht zu prüfen, Grenzen zu setzen oder Beziehung zu reparieren.
Ein Tool ist kein Rezept. Es ersetzt keine Beziehung, keine Machtanalyse und keine eigene Urteilskraft.
Trennungslogik
Trennungslogik ist unser Arbeitsbegriff für eine Weise, Welt zu ordnen, in der Zusammengehöriges auseinandergerissen wird.
Zum Beispiel: Entscheidung von Verantwortung, Eigentum von Pflege, Arbeit von Sorge, Mensch von Mitwelt, Wissen von Teilbarkeit, Denken vom Körper, Freiheit von Bezogenheit.
Trennungslogik steckt nicht nur in Ideen. Sie wirkt in Institutionen, Märkten, Gesetzen, Sprache, Zeitdruck, Körperreaktionen und Alltagsgewohnheiten.
Wissenschaftlich anschlussfähig an moderne Dualismen, Natur/Kultur-Trennung, politische Ökonomie, feministische Care-Kritik, dekoloniale Kritik und institutionelle Logiken.
Zugang
Zugang bedeutet mehr als eine offene Tür.
Menschen haben erst dann wirklich Zugang, wenn sie verstehen, teilnehmen, widersprechen, beitragen und mitentscheiden können.
Zeit, Sprache, Geld, Kinderbetreuung, Barrierefreiheit, Vorwissen, digitale Zugänge oder emotionale Sicherheit entscheiden oft mit, wer wirklich hineinkommt.
Anmerkung: Wissenschaftlich anschlussfähig an Teilhabegerechtigkeit, Accessibility, Design Justice und „Nothing about us without us“.
Verantwortung
Verantwortung meint nicht nur Zuständigkeit.
Sie fragt: Wer trägt Folgen? Wer repariert? Wer hält Risiken? Wer achtet darauf, welche Welten Entscheidungen hervorbringen und dass sie lebbar sind?
In Bezogenheitslogik sollte Verantwortung nicht einfach bei den Verlässlichsten landen, sondern sichtbar, teilbar und rückgebunden werden.
Anmerkung: Wissenschaftlich anschlussfähig an Accountability, Care-Ethik, Mandate, Rechenschaft und institutionelle Verantwortung.